Wer profitiert von den Zoll-Beschränkungen im russischen Online-Handel?

Veröffentlicht in: Online Handel und E-Commerce, am: 1 Mai 2014 | 1 Comment |

Russische Bürokratie und Regelungswut auf dem Vormarsch. So ähnlich werden das gleichermaßen Onlineshopbetreiber, wie auch russische Käufer bei ausländischen Onlineshops, die Situation beschreiben, die von staatlicher Seite derzeit vorgegeben wird und sich ständig ändert. Innerhalb kürzester Zeit hat die Regierung mehrere Male Regelungen und das Limit für zollfreien Einkauf bei ausländischen Shops abgeändert.

Umschlaglager Russland

Umschlaglager Russland

 

Wer sind die Gewinner?

In der Praxis bedeutet das, dass beim Kauf in einem ausländischen Onlineshop ab einem bestimmten Warenwert der bürokratische Aufwand in keinem praktikablen Verhältnis mehr steht. Anbieter wie Käufer sind verunsichert. Aber wo es Verlierer gibt, gibt es auch Gewinner! Wem spielt die entstandene Situation in die Hände?

Es hat sich schon seit langem eine eigene Dienstleistungsbranche in Russland entwickelt, die im Ausland ansässig ist, Waren im Auftrag russischer Privatkunden kauft und anschließend von privat an privat verschickt, um somit die Zollprozedur auf russischer Seite zu umgehen, den maßgeblich betroffen ist man ja nur beim Kauf und Versendung aus ausländischen Onlineshops.

Privatsendungen sind ausgenommen- und hier greifen dann die Dienstleister. Versendet wird quasi von privat an privat. Diskussionen über die Verschärfung der Zollbestimmungen haben unter Anderem auch dazu geführt, dass mehr Menschen Vorteile von Online-Shopping im Ausland erkannt haben.

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Je größer die Hürden…

Bay.ru (vor Kurzem in Dostami umbenannt) ist genauso ein Dienstleister. Das 2007 gegründete Unternehmen trat anfänglich als Vermittler zwischen Kunden und dem Auktionshaus eBay auf. Kunden bestellen über Bay.ru, statt direkt über eBay und Bay.ru kümmert sich um die Abwicklung, Bezahlung, Versand etc. nach Russland.

Russische Märchen

Russische Märchen

 

Dieses wäre hierzulande nicht denkbar, bringt dem Unternehmen aber so rund 75 Millionen US-Dollar Umsatz ein. Bay.ru arbeitet heutzutage mit sehr vielen ausländischen Online Shops und versendet nach Russland mehr als 1000 Pakete täglich.

Maxim Andrjukhin, Leiter von Bay.ru, sieht in der zunehmenden Diskussion und den Änderungen bei der Zollabfertigung immer mehr Bedarf an diesen Dienstleistungen.

„Immer mehr Menschen sehen für sich die Vorteile des Onlineshoppings im Ausland für sich und nehmen so gerne unsere Dienste in Anspruch, um die Warenlieferung innerhalb geschäftsüblicher Lieferzeiten zu erhalten. Je größer die Hürden bei der Lieferung und Zollabfertigung, desto mehr Konsumenten wenden sich an uns“

– so Andrjukhin.

Lobbyisten und Beamte

Es gibt jedoch auch andere Stimmen, die sich mit der ständig wachsenden Konkurrenz ausländischer Shops konfrontiert und aufgrund der ungleichen Wettbewerbssituation auch bedroht fühlen.

Der Onlineshop KupiVIP sieht sich zunehmend mit den Problemen des heimischen Marktes konfrontiert, was zu Umsatzeinbrüchen in vergangener Zeit geführt hat. Oskar Hartmann, Gründer des Onlineshops macht dafür die ungleichen Wettbewerbsbedingungen verantwortlich, die ausländische Shops gegenüber einheimischen haben.

Ähnlich wird die Situation auch von anderen einheimischen Onlineshops, wie beispielsweise OZON gesehen, die den ungleichen Wettbewerb problematisch sehen.

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Nahezu 80 Prozent aller Warensendungen aus dem Ausland stammen aus Bestellungen ausländischer Onlineshops. Der föderale Zolldienst sieht hier die Missstände und die Gefahr der Steuerhinterziehung, wenn Waren im Wert bestimmt Grenzen übersteigen und zollfrei eingeführt werden.

Während bis vor kurzem pro Monat Waren bis 1000 € Warenwert und bis 31kg im Ausland bestellt werden konnten ohne das Zoll erhoben wurde, könnte jetzt die Obergrenze für die zollfreie Einfuhr bei 150€ (pro ein Monat oder pro eine Bestellung, wir werden in den nächsten Wochen berichten) angesetzt werden.

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Das mögliche Reduzieren des Zollfreibetrages auf 150€ von KupiVIP und weiteren russischen Online Händlern wie Enter oder OZON begrüßt worden. Man braucht keine starken ausländischen Konkurrenten in Russland.

Interaktive Grafik 1. Anzahl der Lieferungen aus dem Ausland. Russland. 2011-2013
Interaktive Grafik 1. Anzahl der Lieferungen aus dem Ausland. Russland, 2011-2013. Grün: kleine Päckchen bis 2 Kilo; blau: Pakete ab 2 Kilo; schwarz: EMS-Sendungen (schnelle Lieferung der russischen Post). Quelle: Russische Post

Grundsätzlich könnte man drei Vermittler-Arten für die russischen Online-Käufer definieren:

Das System der Privat-Vermittler – Einkaufen unter anderem Namen

Kauft ein Russe im ausländischen Onlineshop ein, dürfen derzeit 1000€ pro Monat nicht überschritten werden, sonst wird Zoll auf die Ware erhoben und die Prozedur wird durch bürokratische Hürden langwierig und teuer.

Immer wenn eine Lieferung aus dem Ausland eintrifft und eine Firma ist der Absender, greift der russische Zoll zu. Anders sieht es da schon bei Paketen von Privat an Privat aus, die diesen Kontrollen so nicht unterliegen.

Sogenannte private Vermittler machen im Ausland Sammelbestellungen russischer Kunden und können bessere Preise aushandeln. Ebenso kümmern sie sich gegen Entgelt um die Bestellungen und verschicken sie von Privatadressen so und im Warenwert gesplittet, um den Zoll zu umgehen.

Das System der privaten Vermittler betreiben in der Hauptsache selber Russen, die im Ausland, vielfach den USA ansässig sind und diese Dienstleistungen in der „Grauzone“ übernehmen. Dabei basiert das System darauf, dass Bestellungen auf mehrere Absenderadressen verteilt werden, um zollfrei zu bleiben. Weiterhin kümmert man sich darum Waren ohne Etiketten oder Kaufbelegen zu verschicken, um den Anschein einer Lieferung von privat an privat zu erzeugen.

Einkaufen im Ausland

Einkaufen im Ausland

 

Spezial-Lieferanten

Ebenso wie die Privat-Vermittler, haben sich eine Reihe von Firmen darauf spezialisiert nur die Lieferung nach Russland zu organisieren. Entstanden aus einer der typischen Auswanderergeschichten, erkannte ein Peter Sharapov, dass es mitunter erhebliche Preisunterschiede in Kinderbekleidungen und Schuhen zwischen den USA und Russland gab. Aus dem einst nur privaten Verschicken an Familie und Freunde, ging 2010 Sharapovs Firma „Shopfans“ in den Markt, die nur noch Logistik und Versand macht.

Shopfans übernimmt keine Bestellungen. Das System basiert darauf, dass Russen in ausländischen Shops bestellen und sich die Ware, anstatt nach Hause, an das Lager von Shopfans (in den USA) schicken lassen. Hier wird die Ware dann neu nach Kundenwunsch kommissioniert und von da nach Russland verschickt. Die Preise für den Service variieren dann zwischen 45$-75$ bis zu einem Gewicht von 2 kg. Die Versendung schwererer Pakete bis 15 kg liegt bei ca 190$, was vergleichsweise so gut wie keine Mehrkosten für den Endkunden bedeutet.

„Unsere Versendung ist teurer, aber schneller und zuverlässiger. Wir garantieren eine Lieferung innerhalb von 7-8 Tagen. Ebenso zahlen wir, bei Terminüberschreitungen, Entschädigungen aus. Wir besitzen zwar keine eigenen Flugzeuge, verfügen jedoch in New York über ein eigenes Abfertigungsterminal und von dort aus gibt es feste Frachtführer, wie beispielsweise AirBerlin.

In Moskau angekommen, trifft die Ware beim Zoll ein. Unsere Versandkosten beinhalten die gesamten Gebühren sämtlicher Zollformalitäten. Derzeit buchen diese Zollabfertigung nur 20 Prozent unserer Kunden mit, wir hoffen aber, dass es mehr werden“

– so Sharapov.

Komplettservice – Ware bestellen, kommissionieren, ausliefern

Vor rund sieben Jahren, nach ihrem Umzug in die USA, gründeten die Brüder Anton und Eugen German das Unternehmen Bay.ru. Die Idee zum Unternehmen wurde geboren, als Freunde baten US-Autoteile zu verschicken, die im Internetauktionshaus eBay gekauft wurden. Die Autoteile waren wesentlich preiswerter, der Versand nach Russland musste selber organisiert werden.

Mittlerweile versendet Bay.ru sowohl Ware aus eBay, aber auch anderer Onlineshops, wie Amazon. Der Kunde verfügt über mehrere Bezahlmöglichkeiten, unter Anderem gängige in Russland QIWI oder Yandex Money Anschließen kümmert sich Bay.ru um den Rest, von der Lieferung an ein eigenes Lager in Chicago, die Kommissionierung und den Versand der Ware nach Russland.

Bay.ru hat mit einem eigenen Lager und Call-Center einen Service geschaffen den tausende Konsumenten schätzen. Seit Kurzem hat Bay.ru angefangen, mit Online Shops außerhalb der USA zu arbeiten, in China und Europa.

Europäische und amerikanische Online Shops reagieren nicht so schnell auf geänderte Zollbestimmungen in Russland. Bestellt man mehrere Teile im Gesamtwert von €800, bekommen man immer noch ein Paket. Jedoch nicht die chinesischen Händler: sie sind viel flexibler.

Beispielsweise bei Aliexpress bekommt man schon jetzt bei einer teuren Bestellung das Hemd in einem Paket und die Krawatte in einem anderen. Für Aliexpress wurde Russland im Jahr 2013 zu dem wichtigen Auslandsabsatzmarkt und überholte USA und Brasilien.

Jedoch reagieren bei Weitem nicht alle Online-Händler auf Veränderungen in russischen Zollbestimmungen so schnell – die Vermittler und Zwischenhändler werden garantiert ihre Arbeit noch lange nicht verlieren.

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